Eine Hommage zur Diamantenen Hochzeit – mit Hintergrund

Seit 60 Jahren ein Paar: Blanka und Dieter Schroth

Sie begann vor unserer Haustür, die Geschichte von Blanka und Dieter Schroth. „Ich ging“, erzählt sie, „in Busenbach aufs Musikfest. Wir tanzten zusammen und er sagte: ‚Komme mal mit, da sitze‘ mei‘ Eitern!‘ Von da an haben wir uns öfter gesehen.“ Am 24.06.2022 feierte das Paar Diamantene Hochzeit – im kleinen Kreis, im Haus Lucia Hug des ASB im Karlsruher Stadtteil Oberreut.

Sie schwärmt, scherzt und schmunzelt, wenn sie erzählt: Blanka Schroth mit Mann Dieter. | Bildnachweis: ASB Karlsruhe

Auf der großen Dachterrasse des Hauses macht sich die Sonne heute rar, doch es ist warm. Er trägt Polo-Shirt, blau. Sie eine Bluse, kariert, der Stoff leicht und luftig. Die beiden wirken, als lägen sie eine Rast ein vom Wandern. Gefragt nach den schönen Momenten in ihrem Leben, nennt Blanka Schroth passend die Urlaube: „Wir waren gern im Gebirge, in Südtirol“, sagt sie und scherzt: „Dieter war in seinem früheren Leben sicher eine Gebirgsziege!“

Doch nicht nur ins Gebirge gingen die Reisen. Auch das Meer und Städtereisen standen auf dem Programm. Selbst als Dieter Schroth schon an Demenz erkrankt war, reisten sie z.B. mit der Tochter und deren Mann nach Belgien, um die Enkeltochter zu besuchen, die dort studiert. 

Dann führt sie den Becher mit Saftschorle an seinen Mund. Das Pflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) im Karlsruher Stadtteil Oberreut verfügt mit seiner „beschützenden Wohneinheit“ und speziell geschultem Personal über eine Besonderheit: Hier leben 15 an Demenz erkrankte Menschen. Einer von ihnen ist seit gut einem Jahr Dieter Schroth. 

„Es war im April, ich war schwer gestürzt“, erklärt Blanka: „Beckenbruch, Lungenembolie - und Dieter musste akut versorgt werden.“ Zum Glück habe es hier geklappt. „Mit seiner Weglaufdemenz ist er hier sehr gut aufgehoben“, fügt sie hinzu. Sie ist sich sicher: "Dieter hat hier ein neues Zuhause gefunden, fühlt sich geboren." Sie ist 81, er ebenso – kaum zu glauben. Auf ihr Alter angesprochen, sagt sie keck: „Gute Ware hält sich.“ Schaut geradewegs in das Gesicht des Fragestellers, schmunzelt.

Das Glücks-Konzept: „Es hat mit Toleranz zu tun“

Ihre Ehe hielt sich ebenso. „Es hat funktioniert“, meint Blanka schlicht und ergänzt: „Es hat mit Toleranz zu tun.“ Humor und Gelassenheit scheinen sich als Haltung in ihrer Partnerschaft bewährt zu haben. Dazu kommen offenbar das Annehmen und aktive Angehen von Veränderungen.

Ein Beispiel: Dieter war gelernter Bauschlosser und bildete sich aus eigener Initiative fort, wurde Leiter der Fertigung bei einem industriellen Hersteller in Ettlingen. Es produzierte Kunststoff-Teile für Fahrzeuge. Bei allem Einsatz blieb Zeit auch für den Garten. In einem Naherholungsgebiet, bekannt für Bismarckturm und Panoramaweg in Ettlingen, bauten die Schroths die Gartenhütte für ihre kleine Familie: „Das hat Dieter toll gemacht, aus Holz.“

Blanka Schroth war bis zur Geburt der Tochter als Stenotypistin tätig. | Bildnachweis: ASB Karlsruhe

Die „Ho-Ho-Di-Hü“ auf den Robberg-Terassen

Erinnerungen steigen auf: Mit Familie, Freunden und seinen Geschäftsfreunden habe man hier „einige Feschdle“ gefeiert. Als Kollegen aus dem damaligen Jugoslawien zu Gast waren, habe sie einen Topf Sauerkraut gekocht, „mit Schweinebauch und Schweinsknöchele“, sagt sie und wechselt, als sei’s wie heute, kurz ins Flunkern: „Da wurde viel Sprudel getrunken!“ Blanka spricht für ihren Mann: „Die Hütte auf dem Robberg, die steht heute noch.“

Der Lebensfreude, die die beiden pflegten, war es wohl geschuldet, dass die Hütte einen bis heute Heiterkeit auslösenden Namen mit vier Silben bekam: Die ersten drei Silben gehen auf Vornamen zurück: Dahinter verbergen sich zwei Helfer und der Erbauer selbst. Dazu das Hü für Hütte. „Ho-Ho-Di-Hü“ also wurde das Bauwerk im Kreis der Eingeweihten genannt.



Tanzen an den Wochenenden im Petticoat

An den Wochenenden ging das junge Paar gern zusammen aus. In Busenbach wurde die Turn- zur Musikhalle. Die Flippers, Moby Dick und Die Moonlights spielten live, Schlager und Tanzmusik. „Meine Tante wohnte dort“, sagt Blanka und meint den Ortsteil von Waldbronn. „Aber freilich trug ich Petticoat!“, ruft Blanka auf Nachfrage.

Ob sie gleich ansetzt zu einem für den Rock 'n' Roll typischen Bewegungen, mit entfesselter Energie die vielen Lagen Tüll an ihrem bauschigen Unterrock hüpfen lässt? Fast meint man es, wie sie so strahlt. Den Petticoat trug sie als 20-Jährige zu den Tanz-Events. „Dieter hat sehr gut tanzen können“, schwärmt Blanka: „Walzer, Foxtrott, Rock ’n‘ Roll.“

Busenbach – der Ort also, an dem die „Story“ der Schroths begann, von der wir ein Stück erfahren durften. Und Geschichten, die – mit Begeisterung geteilt – helfen, den Menschen, der nun auf Hilfe angewiesen ist, lebhaft vors Auge zu bekommen, in seiner Lebensleistung, mit seiner Biographie: Dieter Schroth, 81, Bewohnender des Haus Lucia Hug.


Es ist alles schnell gegangen,
ich frage mich, wo die Zeit geblieben ist.

Blanka Schroth | zur Diamantenen Hochzeit 
mit ihrem Mann Dieter


Zwei lebensfrohe Menschen, von der Sonne verwöhnt. | Zu den Fotos von ihren Eltern, die Tochter Susanne gern anschaut, zählt auch dieses hier. | Bildnachweis: Familienfoto, privat.


Am Rande: unser herzliches Dankeschön

Diese Seite wird bereichert durch Privatfotos, die Susanne Schroth, die Tochter, bereitstellte und für ein Veröffentlichen frei gab. Dafür sagen wir herzlich Merci! „Uns war es wichtig„ dass ein Bild der Familie entsteht“, schrieb sie, „auch möchten wir anderen Betroffenen Mut machen. Ich hoffe, das ist uns gelungen!“


Fröhlich verbunden, durchaus auch vor der Kamera | Mit dem wärmenden Druck ihrer Hände zaubert Tochter Susanne Schroth ein Lächeln ins Gesicht des Vaters. | Bildnachweis: Familienfoto, privat.


Sportlich, sportlich: Tischtennis spielen und dienstags „Radeltag“

Von Ottmar Bächlein ist zu erfahren, was Schroth und ihn über die Späße hinaus verband - der Sport: Ende der 70’er, immer dienstags, pflegten sie in einer Gruppe mit anderen ihren Radeltag. Schroth und Bächlein waren 45. „Dieter hat mit 75 noch Touren gemacht bis zu 100 Kilometern“, berichtet Bächlein, „auf dem Rennrad“. Im TV Busenbach gingen sie einem weiteren gemeinsamen Interesse nach: Sie spielten Tischtennis.

Pflegt den Kontakt: „Albtal-Freund“ Ottmar Bächlein, Anfang Juni 2022 zu Besuch im Haus Lucia Hug. | Bildnachweis: ASB Karlsruhe


Demenz, kurz erklärt
Eine große Zahl von Menschen ist im Alter von Demenz betroffen. Allein in Deutschland sind es jüngsten epidemiologischen Schätzungen zufolge rd. 1,6 Millionen. Bei der Alzheimer-Krankheit (wie in den meisten Fällen) sind geistige Leistungsfähigkeit, Gedächtnis, Sprache, Orientierung und Urteilsvermögen der Betroffenen derart schwerwiegend eingeschränkt, dass keine selbstständige Lebensführung mehr möglich und Hilfe erforderlich ist.

Wichtig im Umgang mit Demenz:
eine einfühlsame Grundhaltung


Thomas Schlimmer, Qualitätsmanagement in der Pflege beim ASB Region Karlsruhe, erläutert: „Die unterschiedlichen Ausprägungen von Demenz-Erkrankungen erfordern ein geeignetes Angebot an Unterkunft und Versorgung. Wir unterstützen die selbstständige Tagesgestaltung der Menschen. Das ist der Schwerpunkt der pflegerischen und sozialen Betreuung in unserem beschützenden Bereich im Haus Lucia Hug. Die Bedürfnisse der Bewohnenden stehen dabei stets im Vordergrund.“


Dieter hat sehr gut tanzen können - Walzer, Foxtrott,
Rock ’n‘ Roll.

Blanka Schroth |  über ihren Mann Dieter


Eine Feier aus Dankbarkeit fürs gemeinsame Leben

In einem Raum des ASB-Pflegeheims begehen Blanka und Dieter Schroth am 23. Juni ihre kleine Feier. Dass sie sich das Ja-Wort gaben, ist nun 60 Jahre her. Es war der Tag, an dem Boxlegende Bubi Scholz im Olympiastadion in Berlin im Halbschwergewicht antrat – „der geschmeidige deutsche Hüftenpendler“ (rbb-online.de) gegen den Amerikaner und amtierenden Weltmeister Harold Johnson, 1962.

Blanka wirkt geradezu so, als gebe dieses Bild aus der Welt des Sports ihr Kraft, als sie sagt: "Mit Dieters Erkrankung geht die ganze Familie offen um. Es mag wie ein Kampf aussehen, längst verloren. Doch immer noch sind da die schönen, innigen Momente, wenn er z.B. unsere Hand ganz fest hält oder sich freut über die kleinen Köstlichkeiten, die wir bei unseren Besuchen hervorzaubern." 

Die Eindrücke von diesen Erlebnissen ermutigen sie: "Ganz bestimmt findet Dieter sein Leben schön. Er lacht, wenn wir ihn besuchen.  Man sieht, dass er sich freut. Das Highlight bei allem ist für ihn, wenn unsere Enkelin ihn besucht - dann strahlt er richtig!"

Für Blanka scheinen sich solche Momente  nahtlos an das zu reihen, was sie auch bisher mit dem Mann an ihrer Seite erfahren durfte und was sie mit einem offenbar tiefen Gefühl erfüllt: "Unsere Zeit, das gemeinsame Leben - das ist etwas, wofür ich dankbar bin. Ein Wert, den wir heute gerne feiern."


Selfie-Kunst vor Bau-Kunst in Belgien | Enkelin Lara hielt das Smartphone hoch, nahm ihre Großeltern auf: Blanka (l.) und Dieter Schroth (mit Sonnenbrille, dahinter). Dazu ihre Eltern, die mittlere Generation: Susanne Schroth (Mitte) und ihr Mann Jörg (r. oben) | Bildnachweis: Familienfoto, privat.

Blick in eine Zeitschrift oder die Zeitung | „Daraus liest er uns manchmal noch das eine oder andere Wort oder eine Überschrift vor“, berichtet Tochter Susanne Schroth. | Bildnachweis: Familienfoto, privat.


Freundschaft fürs Leben mit dem „Albtal-Freund“ Ottmar Bächlein

Bis heute macht sie Eindruck auf ihn: die Sendung, die er im Jahr 1957 vom damals jungen Dieter Schroth erhielt. Eine Postkarte, aus Kempten geschickt, adressiert „An meinen Albtal-Freund“. Schroth war mit seinen Eltern ins Allgäu gereist. Gerade ein Jahr zuvor hatten die beiden sich kennen gelernt. Dieter Schroth und Ottmar Bächlein sind ein Jahrgang, geboren 1941. Als sie beide 15 waren, zog Bächlein in dessen Ort, nach Waldbronn: „Meine Mutter pflegte dort meine Großmutter, daher zogen wir vom Batzenhof aus dorthin.“

Schroth und er wurden Freunde. Die Karte hütet Bächlein wie einen Schatz – stolz über eine Freundschaft „seit dem Lausbubenalter“. Auch er ist für einen Spaß zu haben. „Ottmar“, erklärt Bächlein seinen Vornamen, sei „ein heiliger Name, kein scheinheiliger“. Über seine Verbindung zu Schroth sagt er: „Wenn man sich gebraucht hat, war man füreinander da“.


B e s c h ü t z e n d e r B e r e i c h | Stichwort

Die Wohneinheit, in der Dieter Schroth im Haus Lucia Hug des ASB lebt, wird beschützender Bereich genannt.

  • Mehr noch als in den anderen Wohngruppen steht hier der Mensch im Mittelpunkt – seine persönliche Geschichte, seinen aktuellen Beziehungen und individuellen Bedürfnisse.
     
  • Für den Umgang mit dementiell veränderten Menschen ist das Team eigens geschult, die Wohneinheit an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet.
     
  • Die beschützende Struktur ergibt sich aus Größe und Charakter der Wohneinheit: Sie ist überschaubar eingerichtet und, so der Fachbegriff, „milieutherapeutisch“ darauf ausgerichtet, wie die an Demenz erkrankten Menschen ihre Umgebung wahrnehmen und empfinden.

V a l i d a t i o n | Stichwort

Was für Thomas Schlimmer zählt, ist eine einfühlsame Grundhaltung den desorientierten Menschen gegenüber. „Wir sprechen dabei“, so der Pflegefachmann, „von Validation und meinen damit, ihre Lebenswelt zu respektieren, ihre persönliche Würde zu wahren, die Eigenständigkeit aufrecht zu erhalten und Orientierungshilfe zu geben.“